Donnerstag, 4. September 2008

Was nun, sprach Zeus

Ich habe ja nun eine neue Arbeitsstelle, die auch in den nächsten Tagen beginnt. Ein einjähriges Praktikum das mir anerkannt wird und ich damit meine vollwertige Fachhochschulreife erlange. Nächstes Jahr kanns dann damit an die Uni gehen.

Soweit, sogut. Vor 3 Tagen bekam ich eine E-Mail von einem anderen Betrieb bei dem ich mich auf eine Ausbildungsstelle beworben hatte. Sie hätten Interesse an mir und ich solle doch mal zum Vorstellungsgespräch vorbeikommen.

Nunja, die Möglichkeit habe ich recht schnell ad akta gelegt – der Betrieb befindet sich 70 km weit weg, ich müsste täglich mit dem Auto fahren und auch die Berufsschule würde in der anderen Stadt stattfinden. Das ist aus logistischen Gründen einfach problematisch, zumal ich ja die andere Stelle hier habe, was um einiges bequemer und einfacher ist.

Heute morgen hatte ich dann einen Anruf auf meiner Mailbox. Ein weiterer Betrieb, bei dem ich mich vor Wochen beworben hatte und der mir schon schriftlich abgesagt hatte, hat sich gemeldet.

Die andere Azubiene ist unerwartet abgesprungen und nun würden sie mich gerne an ihrer statt einstellen.

Hu?

Ich solle doch mal anrufen und zu einem Vorstellungstermin kommen.

Und nun sitz ich hier doof rum. Der Betrieb ist fast nebenan und bezahlt gut. Doof ist, dass das nicht unbedingt ein Beruf ist den ich ausüben möchte. Mein Arbeitsamtmensch hat mich mehr oder weniger dazu gedrängt und als ich unter Zugzwang stand, habe ich mich dort halt beworben. Aber eigentlich mit dem Hintergedanken dass die mir eh absagen würden. Wäre ja nichts neues, zumal es ja schon 5 vor 12 war.

Theoretisch käme ich noch 4 Wochen aus meinem Praktikumsvertrag raus. Theoretisch könnte ich mich bei dem Betrieb vorstellen. Theoretisch hätte ich dann einen Ausbildungsplatz.

Theoretisch…

Aber ich weiß nicht ob ich eine 3 (oder 2,5) jährige Ausbildung in einem Beruf den ich eigentlich nicht will, durchhalten würde. Ob mir das Spaß machen würde. Oder ob das Zeitverschwendung wäre und ich in 3 Jahren dann doch an die Uni gehen würde.

Doof, doof, doof.

Aber ich glaube mein Unterbewusstsein hat sich schon entschieden. Ich werde nicht alles umwerfen und bleibe lieber bei der Stelle die ich schon habe.

Das ist einfach absehbarer, kalkulierbarer. Und ich glaube mir wird die Arbeit in dem Betrieb Spaß machen. Die Mitarbeiter sind nett. Ein wichtiger Punkt.

Hachja… ich werde mal noch ein wenig drüber nachdenken. Vielleicht finde ich noch einen wichtigen Punkt der dagegen spricht. Oder ganz klar dafür.

Bis Montag lasse ich mir Zeit dafür.

Mittwoch, 3. September 2008

Problemkind vs Soziale Phobie I

Es gab mal eine Zeit in der meine Eltern das Jugendamt benachrichtigen wollten. Ich sollte in ein „Heim für schwer erziehbare Kinder“. Ich sollte in ein Internat. Ich sollte ganz weit weg.

Wir kamen einfach nicht miteinander klar. Meine Eltern sind einfach unfähig ein Kind zu erziehen, konstruktiv mit Problemen umzugehen oder ihr eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen.

Wenn ich so überlege, finde ich eigentlich gar keinen Auslöser für den ganzen Ärger.

Vielleicht fange ich einfach mal bei den Dingen an die ich noch gut in Erinnerung habe. In mehrere Beiträge aufgeteilt.

Da war z.B. meine Freundin P. Wir waren ca 8-9 Jahre, Grundschulalter.

P. kam aus sozial schwachen Verhältnissen, meine Eltern konnten sie nicht leiden. Sie sei dumm und kein Umgang für mich.

Nun, aber da es mir damals schon schwer fiel Freunde zu finden und ich mich mit ihr wirklich gut verstanden habe, blieb ich weiterhin mit ihr befreundet. Wir liefen Rollschuh, spielten mit Kuscheltieren – was man halt so macht. Nie haben wir Mist gebaut, nie war ich zu spät Zuhause.

Und trotzdem verboten meine Eltern mir systematisch den Umgang mit ihr. Sie sei assozial und seit ich sie kennen würde, benähme ich mich „unter aller Sau“.

Das führte dann dazu, dass ich mich heimlich mit ihr traf. Wenn man das denn heimlich nennen kann. Wir gingen in die gleiche Klasse, spielten in den Pausen zusammen und nach der Schule verbrachten wir auch ein wenig Zeit miteinander. Nie mehr als 20 Minuten – und dann rannte ich nachhause, damit niemand merkte dass ich nicht auf dem direkten Wege kam.

Durch einen blöden Zufall fanden meine Eltern es dann doch heraus. Zuhause war die Hölle los, ich wurde angeschrieen und niedergemacht. Und für Wochen durfte ich überhaupt nicht mehr raus. Ich durfte keine meine anderen Freundinnen mehr sehen, nicht nach draußen zum spielen oder Rad fahren.

Und mir wurde sehr deutlich gezeigt dass ich ein furchtbar böser Mensch (sry, Kind) bin und unerwünscht im Familienleben.

Das war dann das Ende der Freundschaft zwischen P. und mir. Nicht mal in der Schule habe ich mich getraut mit ihr zu reden.

So ungefähr verliefen übrigens alle meine Freundschaften – bis ich ca. 14 war.

Dienstag, 2. September 2008

Unfälle und tot

Ich bin in letzter Zeit ständig mit Unfällen und tot konfrontiert. Ich weiß nicht wieso und ich finde es furchtbar.

Zuerst war es meine Katze. Mein kleines, 8 Wochen altes Kätzchen wurde tot gebissen, von einem Hund.

Dann meldete sich ein alter Bekannter von mir. Im Juni hatte er einen furchtbaren Autounfall. Vom Auto ist nichts mehr über, nachdem auf der Autobahn noch zwei LKWs reingerast sind. Er konnte glücklicherweise noch vorher rausklettern – mit einem vollkommen zerstörtem Bein.

Wenig später las ich in einem Blog, in den ich regelmäßig reinschaue, dass der noch junge Familienvater bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist. Er hinterlässt einen 3 jährigen Sohn und eine hochschwangere Frau.

Vorgestern erzählte mir mein Freund, dass ein Clankollege von ihm an einer Lungenembolie gestorben ist. Ich kannte ihn auch mehr oder weniger – vor einiger Zeit haben wir ab und an zusammen gezockt.

Ich weiß nicht was das soll und ich bin wirklich sprachlos. Bei allen anderen Problemchen – ich glaube nichts ist schlimmer als einen geliebten Menschen auf so grausame Weise zu verlieren.

Schwester M.

Als ich in der Orientierungsstufe war, hatten wir eine Schulpsychologin. Schwester M. In der Pausenhalle hing ein Plakat mit einem Vogel in Krankenschwesterkleidung. Probleme, Sorgen, Nöte? Schwester M. ist für dich da. In der ersten und zweiten großen Pause, Raum 103, neben dem Lehrerzimmer.

Mal davon abgesehen, dass sich alle über diese Frau lustig gemacht haben, kann ich mich nicht erinnern, dass dort jemand freiwillig hingegangen ist.

Ich musste es ein mal. Meine Mathelehrerin fing mich kurz nach der Stunde ab und wies mich an in der Pause zu ihr zu gehen. Auf meine Frage nach dem warum, sagte sie nur: weil du Probleme hast. Rumms, weg war sie.

Ich wollte nicht, aber die Angst vor der Mathelehrerin und der Konsequenzen überwiegte.

Komisch, damals war mir überhaupt nicht bewusst, dass ich auch Rechte habe. Dass mich niemand zu etwas zwingen kann. Ich habe lange in dem Glauben gelebt ich seie ein entmündigtes Kind, das jeder Aufforderung Folge leisten muss. Egal wie Unsinnig diese auch ist und von wem sie kommt.

Naja, ich ging also zu Schwester M. Die Tür war offen, ich traute mich aber nicht reinzugehen. Von drinnen kamen Stimmen – es ging um ein Mädchen und ihre Probleme mit dem morgendlichen zu spät kommen.

Sehr diskret… toll.

Irgendwann wurde ich dann reingerufen. Schwester M. fragte mich wieso ich da seie? Wusste ich nicht. Meine Lehrerin hat mich geschickt.

Hast du Probleme in der Schule? Du siehst so traurig aus. Und deine Eltern?

Nach langem hin und her brach es dann aus mir heraus. Meine Angst. Angst vor meinen Mitschülern, meinen Lehrern. Davor angesprochen zu werden. Dem unendlichen Ärger mit meinen Eltern. Die Ungerechtigkeit. Meine Hilflosigkeit. Wäre ich tot, wär alles besser. Ich halte das nicht mehr aus.

Ja, so sagte ich das. Sie sah mich nur erschrocken an. Ich bräuchte keine Angst zu haben. Ich solle doch mal mit meinen Eltern reden. Die Zeit seie nun auch um, der Unterricht beginne gleich.

In der Klasse saß ich dann mit verheultem Gesicht. Verwirrt und Durcheinander. Voller Scham, dass ich dieser Frau so viel erzählt hatte. Und unendlich enttäuscht, dass sie mich nicht verstanden hat. Ich dachte über Suizid nach. Ob mich dann jemand verstehen würde?

Zuhause erzählte ich irgendwann meiner Mutter von dem Gespräch mit der Psychologin. Sie sah mich nur erschrocken an. „Die spinnen wohl! Du hast da hoffentlich nichts unsinniges erzählt?“

Nein, habe ich nicht. Unsinnig schon gar nicht. Und ich würde nie wieder irgendwem von meinen schwachsinnigen Problemen erzählen.

Montag, 1. September 2008

Ziele für das Jahr 2008

Im Mai habe ich mir eine Liste erstellt. Mit Zielen, die ich bis zum Ende des Jahres erreicht haben will.

Diese sah folgdenermaßen aus:

  • Führerschein
  • Arbeitsamt
  • Sportlicher werden
  • Friseur
  • An mehr Aktivitäten teilnehmen
  • Neurologe
  • Zahnarzt
  • Erfolgreiches Bewerbungsgespräch
  • Arbeit
  • Geld sparen
  • Nach Paris fliegen

Kurz darauf hatte mein Vater einen Herzinfarkt und ich dachte die Welt bliebe stehen. Das komische war aber, dass sie nicht stehen blieb – sondern nur ich allein. Alles drehte sich weiter, die Dinge gingen ihren Gang und ich rutschte in ein tiefes Loch.

All meine gewonnene Motivation hatte sich in Luft aufgelöst und ich hatte nur noch Angst.

Und auch nach seiner Genesung war ich noch eine ganze Weile außer Gefecht.

Berg auf ging es eigentlich erst wieder im Juni. Langsam aber stetig.

Ich habe meinen Führerschein bestanden und einen unangenehmen Arzttermin hinter mich gebracht.

Im Juli habe ich meinen Kopf wieder aus dem Sand gezogen, war beim Arbeitsamt und habe wieder einige Bewerbungen verschickt.

Im August habe ich mir die Zähne sanieren lassen, war beim Friseur und hatte ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch.

Heute ist der erste September.

Und ich bin gespannt auf das was kommt :-)

Warum das alles so schwierig ist...

Vermutlich wirkt es auf den einen oder anderen merkwürdig, wenn ich schreibe ich musste mich „überwinden“ zum Friseur zu gehen. Oder wieso ich aus einem Vorstellungsgespräch einen Staatsakt mache. Oder, oder…

Es ist schwierig das vernünftig zu erklären. Vermutlich können die wenigsten mit dem Begriff „Soziale Phobie“ etwas anfangen.

Deswegen versuche ich mich nun mal an einer Erklärung. Eine Soziale Phobie ist eine Angsterkrankung, die zu den psychischen Störungen zählt.

Man könnte wohl vereinfacht sagen, dass sie eine extreme Schüchternheit ist, die soweit geht, dass die Betroffenen Angst oder gar Panikattacken in sozialen Interaktionen bekommen.

Sie haben Angst etwas dummes zu sagen/machen o.ä., so dass der gegenüber ihn für komisch, dämlich… usw halten könnte.

Diese Angst steigert sich so weit, dass sie bald anfangen solche Situationen zu vermeiden, was bis hin zur kompletten Isolierung führen kann. Manche Leute können nicht ein mal mehr das Haus verlassen, aus Angst jemandem auf der Straße zu begegnen. Sie verlieren ihre Arbeitsstelle, Freunde und Familie.

Das ist der „worst case“ – so schlimm ist es bei weitem nicht bei jedem.

Bei mir ist es so, dass ich wegen dieser Ängste die Schule 3 Monate vor dem Abitur abgebrochen habe. Meine letzten Jahre in der Schule waren die Hölle. Ich litt (leide) unter schweren Depressionen und habe mein Leben nur noch als einzige Qual empfunden.

Deswegen habe ich mir rund ein Jahr Auszeit genommen. Und seit ca einem halben Jahr weiß ich, dass ich diese Angststörung habe. Es war eine riesige Erleichterung einen Begriff für „das“ zu haben und zu merken, dass ich damit nicht alleine bin.

Mittlerweile habe ich die Depressionen einigermaßen im Griff und sehe auch wieder Licht im Tunnel. Ich versuche wieder aktiv am Leben teilzunehmen, was nicht immer einfach ist. Aber ich denke, ich bin schon ein ganzes Stück weiter.

Antwort

Ja, kurz darauf kam tatsächlich eine Antwort von ihm auf meine Mail.

Nichts was mich vom Stuhl gehauen hätte: er macht nun seinen Zivildienst und schaut dann was so kommt.

Sein letzter Satz war aber doch irgendwie ein Schlag ins Gesicht.

„Und was machst du so? Erzähl, ist sicher viel passiert – warst damals ja recht wild ;-)“

Das erinnert mich wieder an die Zeit. An das damals, an den Schulwechsel, an die vielen verlorenen Freunde, an den ganzen Ärger.

Man könnte ja meinen, dass man die Vergangenheit irgendwann ruhen lassen kann. Besonders wenn es sich um eine Zeit handelt, in der man im allgemeinen von der Kindheit/Jugend spricht.

Ich kann das nicht. Irgendwie hat mich das doch alles sehr geprägt, und wenn ich darüber nachdenke, reißen alte Wunden auf – die Tränen, der Ärger, die Verzweiflung. Der Anfang vom Ende.

Eigentlich ist das ein Kapitel das ich aus meinem Leben streichen will. Aber geht das? Kann man gleichzeitig Kontakt mit jemandem haben, mit dem man so viel negatives verbindet?

Vermutlich ist das eine Bewährungsprobe. Ich bin schließlich erwachsen und muss bei niemandem Rechenschaft ablegen.

Ich habe ihm nun zurückgeschrieben. Etwas von mir erzählt und noch einige Dinge von ihm hinterfragt.

Ich werde ja sehen wohin das führt. Und vielleicht verläuft sich die ganze Sache ja auch wieder im Sand.